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Heimatforscher Ottokar Graf ist das Rielasinger Gedächtnis. BILD: INGEBORG MEIER

Gemeindenachricht

Als die SS das Dorf anzünden wollte

Südkurier vom 02.09.2015 von Ingeborg Meier

Es ist der 22. April 1945, als die französischen Truppen Gottmadingen und Hilzingen erreichen, wie Graf schildert. Das Ziel vieler Worblinger, die mit den notwendigsten Habseligkeiten bepackt sind, ist an diesem Tag Hittisheim. Sie wollen sich dort in Sicherheit bringen. „Das Hofgut Hittisheim verfügte über einen eidgenössischen Schutzbrief, da der Hofeigentümer, die Rielasinger Fabrikantenfamilie ten Brink, die Schweizer Staatsbürgerschaft innehatte“, erklärt Graf. Am späten Vormittag des 24. April tauchen dann im Dorf SS-Soldaten auf. Sie stehen unter dem Kommando des aus Rielasingen stammenden Feldwebels Heidenreich. Die SS droht, Bürgermeister Friedrich Auer, Oberlehrer Richard Späh und dessen Frau zu erschießen, weil die vom Volkssturm gerade noch errichteten Panzersperren nicht geschlossen sind. Heidenreich will, dass der Volkssturm das Dorf verteidigt, erklärt Graf. Seine Männer flüchten aber in Richtung Schweiz. Um ihre Rückkehr zu erzwingen, kündigt die SS an, das Dorf in Brand zu setzen.

Am Abend erreichen die französischen Panzer den Ort. Sie liefern sich in der Nähe des Rathauses mit den SS-Männern eine Schießerei, bevor diese sich Richtung Bohlingen absetzen. Zwei Bürger kommen dabei ums Leben. „Bernhard Manok, der beim Spritzenhaus Wache hielt, wurde erschossen. Agnes Wiedenbach, die mit ihrem im Kinderwagen liegenden Baby Gernot durch die Obstgärten floh, starb an einer französischen Kugel“, nennt Graf die Namen.

Kurz vor Mitternacht versuchen SS-Leute dann die Mühle zu sprengen, deren Speicher randvoll mit Getreide gefüllt waren – die französischen Truppen waren wieder nach Singen abgerückt. Diese Vorräte wollen die SS-Leute nicht dem Feind überlassen. Der Eigentümer Christian Hüttinger versucht das Vorhaben zu verhindern. Er wird erschossen. Sein Arbeiter Emil Atzenhofer wird schwer verletzt.

Mit diesen drei Toten erhöhte sich die Zahl der Kriegsopfer auf 243 Gefallene und Vermisste. Das waren acht Prozent der Bevölkerung, die zu diesem Zeitpunkt 4500 Einwohner betrug.

Ortshistoriker erforschen Untaten

Auch Rielasingen und Arlen litten in den letzten Kriegstagen unter der Sorge, dass die SS versuchen würde, eine kampflose Übergabe der Gemeinde an die Alliierten zu verhindern. Die verstorbene Ortshistorikerin Gertrud Streit hat sich mit den Geschehnissen befasst und berichtet in der Ortschronik von einem in Rielasingen aufgewachsenen SS-Mann, der mit weiteren SS-Leuten eine Verteidigungsstellung aufbauen und die beiden Ortsteile zum bewaffneten Widerstand zwingen wollte. Viele Männer versteckten sich deshalb vor den SS-Leuten auf dem Schiener Berg.

Noch kurz vor dem Eintreffen der französischen Truppen errichtete der Volkssturm diese Panzersperre am Ortsausgang in der Höristraße Richtung Rielasingen. BILD: PRIVAT

Am 22. April übergab Bürgermeister Georg Stumpf die Polizeigewalt an Hans Reitze. Der damalige Feuerwehrkommandant und spätere Bundesverdienstkreuzträger löste sofort den Volkssturm auf und besetzte mit einigen Leuten die Ortseingänge, um den Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern ein ungehindertes Passieren Richtung Ramsen zu ermöglichen. Dieser war von der Schweiz zur offenen Grenze erklärt worden. 13000 Menschen erreichten so die Eidgenossenschaft. Die dortige Bevölkerung ließ ihnen Hilfe und Versorgung zukommen. In Rielasingen hatte man für sie hinter dem Rathaus eine Suppenküche mit Maggi-Produkten eingerichtet. Am Nachmittag ließ Reitze die Straßen- und die Panzersperren abbrechen. Am Abend dieses Tages ordneten zwei SS-Offiziere die Sprengung der Bahnbrücke über die Aach an. Die Sprengkammern waren angebracht, aber die Sprengladung war nicht auffindbar. Reitze geriet mit der SS aneinander. Der Stabsarzt Dr. Fritz Gut verhinderte Schlimmeres.

Grüne Kurve: So sieht die Stelle an der Höristraße in Worblingen, an der während der letzten Kriegstage Ende April 1945 die Panzersperre errichtet wurde, heute aus. BILD: INGEBORG MEIER

Noch ein weiteres Mal kostete Reitze sein Einsatz für die kampflose Übergabe der Gemeinde fast das Leben. Am 24. April machte er sich mit einer weißen Fahne auf den Weg, um den Ort den Franzosen zu übergeben. Als Reitze das Tuch entrollte, erschienen an Stelle der französischen Truppen, die unbemerkt wieder nach Singen abgedreht hatten, vier SS-Männer. Reitze wurde geschlagen und mit einer Maschinenpistole bedroht. Er flüchtete in die Schweiz. Seine Familie wurde in der folgenden Nacht von einem Fluchthelfer von Wiesholz aus über die grüne Grenze zu ihm gebracht, erzählt seine damals 17-jährige Tochter Johanna Staiger.



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Gemeindeverwaltung Rielasingen-Worblingen
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